Meine Geschichte

43 Jahre meines Lebens fühlte ich mich gesund. Mit 38 Jahren habe ich das Klettern und Bergsteigen entdeckt und konnte mein neues Hobby ein paar Jahre ausleben.

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Weissmies Nordgrat

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Und dann plötzlich aus heiterem Himmel…

2010
Erste Gelenkschmerzen an Fingern, Knien, Handgelenken, Schultern, die wie ein Geist durch mich durchwandern.

2011
Untersuch bei einem Rheumatologen. Ich habe erhöhte Rheumawerte, aber das müsse noch nichts heissen, meint der Arzt. Ich habe Schmerzen bis Mitte Jahr, dann neun Monate kaum Beschwerden. Ich kann wieder joggen, klettern und skifahren.

2012
Frühling: Erneut wandernde Schmerzen in Handgelenken, Schultern, Knien, Fingern, Füssen. Versuche mit Osteopathie und Shiatsu. Im Sommer habe ich plötzlich geschwollene Füsse und starke Ruheschmerzen. Ich spüre ein Verlangen nach Entspannung und besuche einen Kurs für Autogenes Training. Im Herbst folgt die Vermutung der Gynäokolgin: Da ich zurzeit vor allem morgendliche Schmerzen in Händen und Füssen habe, seien das mit grosser Wahrscheinlichkeit Wechseljahresbeschwerden. Ich bekomme natürliche Hormone verschrieben. Die nützen aber nichts. Im Dezember ist mein rechtes Knie plötzlich stark geschwollen, ich schone es, als Folge habe ich ein steifes Knie. Mir wird Celebrex verschrieben, ein Rheuma-Medikament. Mir geht es himmeltraurig, ich kann nur noch unter Schmerzen durch die Gegend humpeln, und schlafen kann ich nur noch mit Schmerzmitteln.

2013
Im Januar wird ein MRI von meinem Knie gemacht: Kniegelenkserguss, leichte Bakerzyste. Ich kann mein Knie weder biegen noch strecken. Von Januar bis Mai gehe ich 2x pro Woche in die Physiotherapie. Im März erhalte ich dann endlich eine Diagnose: Polyarthritis. Zudem wird ein inzwischen inaktiver Campylobacter jenuni in meinem Blut festgestellt. Dieses Bakterium kann man wie Salmonellen beispielsweise an einem Salatbuffet auflesen. Der Campylobacter kann Beschwerden in der Bandbreite von Durchfall bis Hirnhautentzündung auslösen. Bei mir stürzt er sich auf das rechte Knie und macht eine Arthritis, die sich gewaschen hat. Ich kriege notfallmässig Cortison ins Knie gespritzt.

Von Juni bis August werde ich zu 50% krank geschrieben, mein Mann schmeisst den Haushalt. Ich kann kaum einen Apfel für mein Frühstücksmüesli schneiden, so sehr schmerzen meine Finger.

Ich fühle mich der Schulmedizin ausgeliefert, mag dieses Gefühl nicht und habe keine Lust, lebenslang starke Rheumamedikamente zu nehmen – das wird mir von meinem Rheumatologen prophezeit. Nachts habe ich immer noch Ruheschmerzen, an Händen und Füssen auch tagsüber permanent Schmerzen. Ohne Schmerzmittel geht nichts. Ich mache mich selbst schlau und studiere stunden-, wochen-, monatelang alle Bücher, Artikel und Blogs, die ich zum Thema Arthritis finden kann. Ich lerne, dass es möglich sein sollte, mit entzündungshemmender Ernährung, Entspannungstechniken und adäquater Bewegung einen Heilungsprozess einzuleiten. Mein Hausarzt unterstützt mich bei diesem Vorhaben und macht mich auf Bücher über Mediation aufmerksam. Ich mache eine erste Ernährungsumstellung und esse weder Zucker, Fleisch, Weizen noch Milchprodukte.

Motiviert durch erste Linderungserfolge mache ich mit Experimentieren weiter. Inzwischen nehme ich Krill-Öl (Omega 3-Fett), Wobenzym, Chondrovital. Auf einem amerikanischen Blog finde ich einen Plan für eine sogenannte “Elimination Diet” und starte im Mai damit. Alle mutmasslich Entzündungen auslösende Lebensmittel werden vorerst vom Speiseplan gestrichen, und einzeln werden sie wieder in die Ernährung eingeführt. Ich notiere mir in einer Excel-Liste genau, was ich wann esse und wie es mir geht. Dabei finde ich heraus, von welchen Lebensmitteln ich innerhalb kürztester Zeit (1 – 2 Stunden) Schmerzen bekomme – die rund 24 Stunden anhalten.

Im Sommer wechsle ich den Spezialisten und gehe ich zu einem Rheumatologen, der mit mir daran glaubt, dass meine Beschwerden gelindert werden können. Bei ihm beginne ich mit Akupunkturbehandlungen. Insbesondere den Knien scheint das gut zu tun. Im Juli habe ich jedoch plötzlich eine starke Kiefergelenksentzündung und kann nur noch unter Schmerzen kauen (sehr doof, wenn man so gerne isst wie ich). Gleichzeitig geht mein linkes Ohr zu. Ich erhalte eine sogenannte Michiganschiene, die ich nachts tragen muss; die Kieferschmerzen lassen langsam nach. Das Ohr bleibt jedoch zu. Ich nehme täglich 60mg Arcoxia, ein entzündungshemmendes Rheumamittel (nicht steroidales Analgetikum, selektiver COX-2-Hemmer). Da Arcoxia sehr säurebildend wirkt, muss ich einen Säureblocker nehmen, damit der Magen nicht zu arg strapaziert wird. Alle sonstigen möglichen Nebenwirkungen versuche ich zu ignorieren…

Aus verschiedenen Quellen erfahre ich, dass sich Bewegung grundsätzlich entzündungshemmend auf den Organismus auswirkt. Ich starte mit täglicher Bewegung und mache abwechslungsweise Pilates, fahre Velo oder gehe spazieren.

2014
Dank massgeschneiderter Ernährung, Bewegung und Entspannung geht es mir inzwischen so gut, dass meine Blutwerte bis auf die Rheumawerte wieder normal sind. Ich habe weder “Rheuma-Schübe” noch Ruheschmerzen. Ich kann das Medikament Arcoxia im April von 60 auf 30mg halbieren. Ich fahre wieder Velo und mache 5-stündige Wanderungen. Klettern kann ich noch nicht, aber im Juli kann ich eine leichte Grat-Kraxel-Tour machen. Dank Autogenem Training, Meditieren und Affirmationen hat sich mein Leben grundlegend verändert. Ich habe gelernt, das beste aus meiner Situation zu machen und meine Ziele neu auszurichten.

2016
In der Zwischenzeit konnte ich das Medikament Arcoxia 30 mg zuerst nur noch jeden zweiten, dann jeden dritten Tag nehmen. Im Trubel des Kletterlagers mit dem Verein Vitamin Berg habe ich das Arcoxia dann tatsächlich «vergessen». Seit anfangs Juli nehme ich – zumindest, solange es gut geht – gar keine Rheumamedikamente mehr. Ich konnte Arcoxia nach drei Jahren absetzen. Das macht mich unglaublich glücklich! Update folgt :)

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Trotz Dank rheumatoider Arthritis hat sich meine Lebensqualität enorm gebessert. In der Auseinandersetzung mit der Krankheit habe ich enorm viel über Ernährung, Entspannung, Bewegung und letztlich über mich selbst erfahren. Das Paradoxe ist: Ich war noch nie so glücklich!

Foto: Katharina Lütscher

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