Mein Dankbarkeits-Joker

Ich weiss, ich weiss, ich habe ein Rezept versprochen. Das wird auch kommen. Aber in den letzten Wochen haben sich ein paar Gedanken bei mir angehäuft, die ich sortieren und formulieren möchte.

Ich hatte viel Zeit zum Denken. Die ersten zwei Monate nach der Handoperation war ich zu 100 % krankgeschrieben. Ich war praktisch nur zuhause in meiner Wohnung oder in der Ergotherapie. Nach den ersten Wochen habe ich eine relativ steile Lernkurve beobachten dürfen, was die Beweglichkeit und den Einsatz meiner rechten Hand angeht. Aber in den letzten Wochen wurde diese Lernkurve flacher – ein üblicher Verlauf.

Was sich parallel zur flachen Lernkurve häufte: Frust, Ungeduld, Selbstmitleid. Erschwert wurde dieser Zustand durch den Tod meines Vaters Ende Februar. Trauer gesellte sich dazu. Es wurde emotional sehr anspruchsvoll.

Ich hätte mich nun richtig schön in dieser Sauce suhlen können. Aber weil ich so bin, wie ich bin, merkte ich bald: Jammern hilft mir nicht. Mich im Selbstmitleid baden auch nicht. Also zog ich den Dankbarkeits-Joker, den ich in den letzten Jahren kennengelernt und trainiert habe.

Immer, wenn mein faules Hirn denkt: «Das wird nie wieder gut!», positioniere ich meine Gedanken neu, in das erstbeste Gegenteil, das mir einfällt: «Es kommt gut.» Oft muss ich meine Gedanken mehrmals täglich neu ausrichten, ich bleibe dabei immer freundlich mit mir, es nützt nichts, wenn ich mich dafür gedanklich auch noch bestrafe. Ich bin geduldig mit mir wie mit einem kleinen Hündchen, dem man vernünftige Regeln beibringen muss.

Am effektivsten gegen Selbstmitleid und Frust hilft mir Dankbarkeit. Dankbarkeit macht etwas Schönes mit mir. Denn Gedanken lösen automatisch Gefühle aus. Unangenehme Gedanken = unangenehme Gefühle, angenehme Gedanken = angenehme Gefühle. As simpel as that. Möchte ich unangenehme Gefühle loswerden, muss ich anders denken (Es geht mir hierbei nicht darum, unangenehme Gefühle zu ignorieren. Sie haben durchaus ihre Berechtigung, und auch sie muss ich annehmen und aushalten).

Aber: Statt mich auf all das zu konzentrieren, was ich NICHT (ändern) kann, lenke ich meine Aufmerksamkeit auf die Dinge, die gut, schön, angenehm, bereichernd, ermutigend, lecker, lustig oder sonst wie erquickend sind. Das ist nicht meine Idee. Etliche Philosophien, Coaches und Autor*innen sprechen und schreiben darüber.

Wenn ich mich in einer emotionalen Zwickmühle befinde, muss auch ich an diese Idee erinnert werden. Das geschah einmal mehr letzte Woche, als ich diesen Podcast hörte. Die Meditationslehrerin Jacqui Lewis erwähnt darin, dass sie einen behinderten jüngeren Bruder hat. Dadurch lernte sie früh, dass es nicht selbstverständlich ist, gesund zu sein. Noch heute übt sie Gedanken der Dankbarkeit. Und zwar nicht einfach «Ich bin dankbar, dass ich in einem schönen Haus lebe mit Mann und Kind», sondern: «Ich bin dankbar, dass ich alleine zur Toilette laufen kann». Oder: «Ich bin dankbar, dass ich mir selbst Essen zubereiten kann».

Hui, das traf mich grad ins Herz! So oft hänge ich den grossen Wünschen nach wie: Wieder beschwerdefrei sein, joggen können, die Handgelenke belasten können, etwas mehr Geld mit meinen selbständigen Tätigkeiten verdienen, um unabhängig zu sein und dergleichen.

Dabei wurde mir klar, dass ich mich auf die kleinen Dinge konzentrieren muss. Es gibt so viel Dankbarkeit zu entdecken: Ich kann meine Finger strecken und biegen, wieder ohne Hilfe duschen, mich alleine ankleiden, Gemüse schneiden, mit beiden Händen am Computer schreiben, mir beidhändig das Gesicht eincremen, und ja: auch mit meinen Beinen zur Toilette gehen. Überhaupt: gehen. Das ist für viele Menschen nicht selbstverständlich.

Wenn ich in einer anspruchsvollen Phase wie der jetzigen stecke, dann zelebriere ich Dankbarkeit im stündlichen Rhythmus. Mindestens. Wie die Sonne schön ins Zimmer scheint! Meine verstopfte Nase kann wieder etwas riechen! Die Vögel zwitschern so hübsch. Ich kann das Fenster öffnen, und es kommt frische Luft (oder nach Kuhmist duftende) herein. Ich kann mir guten Grüntee in Bioqualität leisten. Meine lieben Freundinnen erkundigen sich regelmässig, wie es mir geht. Ich kann mir die Nase wieder zweihändig putzen. Ich erhalte immer wieder so liebe Mails von Leser*innen dieses Blogs, dass mir die Tränen kommen. Ich kann etwas bewirken.

Wenn ich Dankbarkeit übe, erlebe ich schöne Gefühle.
Zuversicht wächst.
GlĂĽckliche Momente poppen auf.

Wenn ich mich auf Probleme konzentriere, finde ich Probleme.
Wenn ich mich auf Möglichkeiten konzentriere, erkenne ich Möglichkeiten.

oder

«Where your mind goes, energy flows»

Denkt was Schönes.
Petra

PS: Fast vergessen. Vor zwei Jahren habe ich auch schon ĂĽber Dankbarkeit geschrieben!


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